Reißt die urbanen Gartenzäune nieder
Matt Aufderhorst
Alle Gärten, die hinter den Häusern liegen, über die Thomas Morus im Jahr 1516 in seinem Roman „Utopia“ schreibt, alle Gärten haben Türen, die stets offenstehen: „Diese Thüren sind zweiflügelig, mit einem leichten Druck der Hand zu öffnen, und gehen dann auch von selber wieder zu und lassen Jedermann ein, denn Privateigenthum gibt es ja nicht.“[i]
Über 500 Jahre ist diese Idee des kommunalen Grüns, der Teilhabe an den offenen Gärten nun schon alt. Morus spricht davon, dass alle, die auf der Insel Utopia leben, im Wettstreit liegen, „ihre“ Gärten so schön wie möglich zu gestalten. Der Clou: in Utopia wechseln alle Menschen alle zehn Jahre ihre Wohnungen. Nichts wird auf Dauer besessen, außer der geteilten Freude am Grün.
Diesen Glauben ans Gemeingut, an die Chance zur urbanen „Ueppigkeit und Zier“ teile ich.
Ich bin überzeugt: erst durch das konsequente Teilen von Gärten und den massiven Ausbau gemeinsamer Grünanlagen werden unsere oft lebensfeindlichen Städte liebenswürdiger. Wenn wir mit den Folgen des erhitzten Klimas und des unterkühlten Kapitalismus klarkommen wollen, müssten wir eine urbane Bodenreform wagen. Das Stadtgrün neu denken. Besitzansprüche radikal hinterfragen.
Bevor ich dazu komme, was das für zubetonierte Stadtflächen, private Grünanlagen und, ja, selbst Kleingärtenkolonien bedeutet, sei betont: Das Grundgesetz gewährleistet zwar Eigentum, hält aber ebenso fest, dass Eigentum verpflichtet – und zwar zum Wohl der Allgemeinheit.
Im Artikel 15 findet sich zudem jener Satz, der die Basis für eine gerechtere Teilhabe aller darstellt: „Grund und Boden (…) können zum Zwecke der Vergesellschaftung durch ein Gesetz, das Art und Ausmaß der Entschädigung regelt, in Gemeineigentum oder in andere Formen der Gemeinwirtschaft überführt werden.“[ii]
Gemeineigentum ist keine neue Erfindung. Geteilte Ressourcen – sogenannte Allmenden wie gemeinsam genutzte Wälder und Wiesen – haben das soziale Miteinander und nicht zuletzt das Rechtswesen über Jahrtausende geprägt. Wer gerecht teilt, schafft die Grundlage für sozialen Frieden und einen lebendigen Diskurs. Denn wo kein exklusiver Besitz verteidigt werden muss, entsteht Raum für echte Aushandlungsprozesse: Wer darf was wie lange nutzen? Hier wird das „abwägende Sprechen“ zur demokratischen Praxis.
Diese Art der Commons-Gerechtigkeit haben wir in unseren sterilen „Gated Community“-Städten weitgehend verlernt. Viel zu viel ist zur sprichwörtlichen Immobilie verkommen, zur unbeweglichen Rendite-Anlage für wenige, zum No-Go-Areal für andere.
Ändern wir das. Schaffen wir offene Utopia-Türen. Tragen wir Mauern ab. Reißen Zäune ein. Weder multinationale Konzerne noch Schrebergärten-Vereine sollten zukünftig das Grund- und Bodenrecht exklusiv gepachtet haben.
Es ist an der Zeit, ein Tabu der Stadtplanung zu brechen. Wir müssen sowohl über die Auflösung exklusiver Kleingartenkolonien auf öffentlichem Grund ebenso nachdenken wie über unangebrachten Großgrundbesitz. Ziel ist die Transformation dieser Flächen in allgemein zugängliche Stadtoasen.
Dabei geht es mir nicht darum, Menschen ihre Datschen wegzunehmen. Natürlich gibt es ein Bleiberecht. Aber ich glaube, dass der Boden im Grunde tatsächlich allen gehört. „Allen“ schließt dabei Flora und Fauna ein. Vögel und Insekten, Bäume und Flüsse haben nicht weniger Rechte als Menschen. Hören wir auf, die Stadt den Wenigen zu überlassen. Begrünen wir Wege und Parkplätze. Bringen wir die Stadt zum Atmen. Dann ziehen besondere Formen der „Ueppigkeit“ ein: das gemeinsame Streben nach Schönheit, sauberer Luft und Ruhe.
Wir werden lernen, miteinander Gärten zu kultivieren. Zu ernten. Und zu spielen. Und wir werden wieder lernen, freier miteinander zu sprechen.
Wir könnten aus der Insel Utopia eine utopische Welt machen.
[i] http://www.zeno.org/Philosophie/M/Morus,+Thomas/Utopia/Der+Utopia+zweites+Buch/Von+den+St%C3%A4dten,+insbesondere+von+Amaurotum
[ii] https://www.gesetze-im-internet.de/gg/art_15.html
Matt Aufderhorst
Alle Gärten, die hinter den Häusern liegen, über die Thomas Morus im Jahr 1516 in seinem Roman „Utopia“ schreibt, alle Gärten haben Türen, die stets offenstehen: „Diese Thüren sind zweiflügelig, mit einem leichten Druck der Hand zu öffnen, und gehen dann auch von selber wieder zu und lassen Jedermann ein, denn Privateigenthum gibt es ja nicht.“[i]
Über 500 Jahre ist diese Idee des kommunalen Grüns, der Teilhabe an den offenen Gärten nun schon alt. Morus spricht davon, dass alle, die auf der Insel Utopia leben, im Wettstreit liegen, „ihre“ Gärten so schön wie möglich zu gestalten. Der Clou: in Utopia wechseln alle Menschen alle zehn Jahre ihre Wohnungen. Nichts wird auf Dauer besessen, außer der geteilten Freude am Grün.
Diesen Glauben ans Gemeingut, an die Chance zur urbanen „Ueppigkeit und Zier“ teile ich.
Ich bin überzeugt: erst durch das konsequente Teilen von Gärten und den massiven Ausbau gemeinsamer Grünanlagen werden unsere oft lebensfeindlichen Städte liebenswürdiger. Wenn wir mit den Folgen des erhitzten Klimas und des unterkühlten Kapitalismus klarkommen wollen, müssten wir eine urbane Bodenreform wagen. Das Stadtgrün neu denken. Besitzansprüche radikal hinterfragen.
Bevor ich dazu komme, was das für zubetonierte Stadtflächen, private Grünanlagen und, ja, selbst Kleingärtenkolonien bedeutet, sei betont: Das Grundgesetz gewährleistet zwar Eigentum, hält aber ebenso fest, dass Eigentum verpflichtet – und zwar zum Wohl der Allgemeinheit.
Im Artikel 15 findet sich zudem jener Satz, der die Basis für eine gerechtere Teilhabe aller darstellt: „Grund und Boden (…) können zum Zwecke der Vergesellschaftung durch ein Gesetz, das Art und Ausmaß der Entschädigung regelt, in Gemeineigentum oder in andere Formen der Gemeinwirtschaft überführt werden.“[ii]
Gemeineigentum ist keine neue Erfindung. Geteilte Ressourcen – sogenannte Allmenden wie gemeinsam genutzte Wälder und Wiesen – haben das soziale Miteinander und nicht zuletzt das Rechtswesen über Jahrtausende geprägt. Wer gerecht teilt, schafft die Grundlage für sozialen Frieden und einen lebendigen Diskurs. Denn wo kein exklusiver Besitz verteidigt werden muss, entsteht Raum für echte Aushandlungsprozesse: Wer darf was wie lange nutzen? Hier wird das „abwägende Sprechen“ zur demokratischen Praxis.
Diese Art der Commons-Gerechtigkeit haben wir in unseren sterilen „Gated Community“-Städten weitgehend verlernt. Viel zu viel ist zur sprichwörtlichen Immobilie verkommen, zur unbeweglichen Rendite-Anlage für wenige, zum No-Go-Areal für andere.
Ändern wir das. Schaffen wir offene Utopia-Türen. Tragen wir Mauern ab. Reißen Zäune ein. Weder multinationale Konzerne noch Schrebergärten-Vereine sollten zukünftig das Grund- und Bodenrecht exklusiv gepachtet haben.
Es ist an der Zeit, ein Tabu der Stadtplanung zu brechen. Wir müssen sowohl über die Auflösung exklusiver Kleingartenkolonien auf öffentlichem Grund ebenso nachdenken wie über unangebrachten Großgrundbesitz. Ziel ist die Transformation dieser Flächen in allgemein zugängliche Stadtoasen.
Dabei geht es mir nicht darum, Menschen ihre Datschen wegzunehmen. Natürlich gibt es ein Bleiberecht. Aber ich glaube, dass der Boden im Grunde tatsächlich allen gehört. „Allen“ schließt dabei Flora und Fauna ein. Vögel und Insekten, Bäume und Flüsse haben nicht weniger Rechte als Menschen. Hören wir auf, die Stadt den Wenigen zu überlassen. Begrünen wir Wege und Parkplätze. Bringen wir die Stadt zum Atmen. Dann ziehen besondere Formen der „Ueppigkeit“ ein: das gemeinsame Streben nach Schönheit, sauberer Luft und Ruhe.
Wir werden lernen, miteinander Gärten zu kultivieren. Zu ernten. Und zu spielen. Und wir werden wieder lernen, freier miteinander zu sprechen.
Wir könnten aus der Insel Utopia eine utopische Welt machen.
[i] http://www.zeno.org/Philosophie/M/Morus,+Thomas/Utopia/Der+Utopia+zweites+Buch/Von+den+St%C3%A4dten,+insbesondere+von+Amaurotum
[ii] https://www.gesetze-im-internet.de/gg/art_15.html